Mit diesem Eröffnungsblog möchten wir dich in unserem brandneuen Forum willkommen heißen und auf unsere ab Herbst 2018 erscheinenden Beiträge aufmerksam machen. Im Essay Stil werden wir sowohl wissenswerte, kuriose und spannende Beiträge rund um das breite Thema Rhythmus und Trommeln als auch Anekdoten aus unserem erlebnisreichen Leben als Forschungsreisende, Unterrichtende, Performende und vor allem Lernende online stellen. Die Textsorte erlaubt uns jede Menge Freiheiten in der Wahl unserer Ausdrucks- und Stilmittel. Du wirst Ulli Sanou als Zeichnerin und Cartoonistin und Gerhard Kero als Wissenschafter kennenlernen. Wenn dich unsere Inhalte interessieren, kannst du den Blog abonnieren und einzelne Beiträge anhand einer fünfteiligen Skala mittels der üblichen Sternchen-Symbole bewerten. Eine Kommentarfunktion ist in Arbeit. Die Artikel können sowohl nach Kategorie (beatfactory, das.imtakte.team© oder alle Beiträge) als auch nach Autor_in gelistet werden und mit einem Filter nach neuesten Beiträgen, meist gelesenen Beiträgen oder bester Bewertung sortiert werden. Abonnent_innen werden über neue Beiträge per email informiert. Darüber hinaus können über Schlagwörter und ein Suchfenster die gewünschten Beiträge im Archiv gefunden werden.

Starten wir das Abenteuer mit einem Zeitrafferflug über unsere gemeinsame Geschichte: Als wir in den späten 1980er Jahren unsere damaligen Berufe an den Nagel hängten, um uns fortan leidenschaftlich und ausschließlich sowohl dem Studium außereuropäischer Rhythmuskulturen als auch dem Spiel exotischer Percussioninstrumente zu widmen, ahnten wir noch nicht, welche Dimensionen unsere Beschäftigung mit dem Phänomen Rhythmus in den folgenden Jahrzehnten annehmen würde.

Eine Absolventin der „Angewandten“ und ein diverse Kunstrichtungen anschnuppernder Schulabbrecher begegneten sich erstmals im Rahmen eines wegweisenden Seminars, das die Auseinandersetzung mit einer damals noch weitgehend unbekannten Trommel zum Ziel hatte. Der Dozent: Famoudou Konate. Die Trommel: Djembe. Der in der damaligen Trommelszene schon etablierten Absolventin der Angewandten fiel die irgendwo zwischen selbstbewusst und überheblich angesiedelte  Attitüde des Schulabbrechers auf. Sie wies ihn öffentlich in die Schranken, was er gemäß seiner Natur als Aufforderung verstand, eben diese Öffentlichkeit als Bühne zu betrachten und zu besteigen, um sich ungebeten in Szene zu setzen. Abgesehen davon, dass beide älter geworden sind, hat sich seither kaum etwas geändert.

Auf zahlreichen gemeinsamen Reisen in die Kernländer der Djembemusik und anderer ausgeprägter Rhythmuskulturen beschäftigten wir uns mit der Erforschung gewachsener Rhythmustraditionen samt ihrer polyrhythmischen Komplexität und spezifischen Mikrotiming-Phänomene. Schon sehr früh begegneten wir unserem wichtigsten Lehrer und späteren Bandkollegen Drissa Kone. Diese Geschichte erzählen wir ein anderes Mal.

In den 1990er Jahren tourte er mit uns mit dem szeneprägenden Ensemble SANZA durch europäische Lande. So leisteten wir unseren Beitrag zur flächendeckenden Verbreitung djembeassoziierter Musik.

Immer öfter wurden wir nach Konzerten gefragt, wo denn das Handwerk des Djembespiels erlernt werden könne. Also eröffneten wir kurzerhand in einem charmanten Kellerlokal im 7. Wiener Gemeindebezirk Österreichs erste Trommelschule, gerade rechtzeitig, um am Aufbau der erwachenden Djembeszene prägend mitzuwirken. Die beatfactory war geboren.

Unser im Zuge zahlreicher Studienreisen erworbener Wissensschatz fließt seither didaktisch aufbereitet in ein umfangreiches Lernangebot ein, spiegelt sich in diversen künstlerischen Events, Bühnenprojekten und Tonträgern wider und findet in Publikationen seinen Weg zur interessierten Öffentlichkeit. Schon bald stellten wir uns die Frage, ob die dem Rhythmus pauschal zugeschriebenen gemeinschaftsstiftenden und gruppenkohäsiven Eigenschaften nicht nur für traditionelle Stammesgesellschaften, sondern auch für moderne Teams arbeitsteiliger Sozialstrukturen gelten. Als dann immer öfter Organisationen Interesse an unseren Rhythmusevents zeigten, entwickelten wir mit das.imtakte.team© ein rhythmusbasiertes Teamtrainingskonzept.

In einer empirischen Studie untersuchte Gerhard die Einflüsse analoger rhythmischer Interventionen auf teamrelevante Sozialkompetenzen und erbrachte empirische Beweise für die Kraft des Rhythmus in Teambildungsprozessen: Team im Rhythmus erschien 2016 im Hollitzer Wissenschaftsverlag. 

Da in den 1980er Jahren im formalen wie nonformalen Bildungssystem viele heute populäre Percussioninstrumente nur ein spärliches Leben im Untergrund fristeten, mussten wir schon früh autodidaktisch Lern,- Behaltens,- und Memorisierungsstrategien entwickeln. In Anlehnung an damals schon bestehende Notationssysteme für Percussioninstrumente entwarfen wir die Symbolschrift Djembefont, die später als Computer-Zeichensatz zur Notation von Djembemusik Standard wurde.

Djembefont Manual

Besonders faszinierte uns jedoch der mnemotechnische Ansatz in der westafrikanischen Rhythmuskultur. Die Djembe ist die Trommel der Malinke, einer Volksgruppe im Sahel, deren tonale Sprache erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts verschriftlicht wird. Davor wurden Episoden und Wissensinhalte mündlich überliefert. Rhythmische Pattern werden unter Zuhilfenahme tradierter mnemonischer Silben gelernt. Dieses nichtschriftliche System, mittels phonetischer Symbole auditive Pattern zu fixieren, kann analog zu visuellen Symbolen als eine Form der Aufzeichnung betrachtet werden. Da alle Musik in einer gegebenen Kultur dazu neigt, die rhythmischen Eigenschaften der Musiker_innen-Muttersprache wiederzugeben, ist Rhythmus nicht nur der gemeinsame zeitliche Aspekt von Musik und Sprache, sondern somit auch ihr herausragendes kollektives Merkmal. Musikalischer Rhythmus spiegelt gewisse Merkmale einer Sprache wider und weist auf eine enge Beziehung zwischen Rhythmus in Sprache und Musik hin.

Eine Frage, die uns während ausgedehnter Trainingseinheiten an der innerhalb weniger Jahrzehnte zum unangefochtenen globalen Shootingstar aufgestiegenen westafrikanischen Handtrommel Djembe unsere Schüler_innen immer wieder stellen, lautet: „Könnt ihr uns den Rhythmus bitte vorsingen?“ Wohlgemerkt nicht nur jene, die kaum Affinität oder aufgrund ihrer musikerzieherischen Prägung keine gute Beziehung zu verschriftlichter Musik haben. Wir lassen uns dann in der Regel nicht lange bitten und vokalisieren das melorhythmische Pattern anhand eines Satzes selbst erfundener oder einer Musikkultur entlehnter lautmalerischer Silben. Da wir ob dieser onomatopoetischen Kodierung über lange Jahre erstaunliche Lernerfolge beobachten konnten, fasste Gerhard den Entschluss, der Sache wissenschaftlich auf den Grund zu gehen. Die sowohl signifikanten als auch erstaunlichen Ergebnisse seiner experimentellen Blindstudie werden 2019 sowohl als wissenschaftliches open access paper als auch als gedrucktes Werk mit derm Titel „Sprechen Sie Rhythmus?“ publiziert werden (Hollitzer Wissenschaftsverlag). Im Fokus der Arbeit steht die komplexe Allianz zweier echter menschlicher Universalien – Rhythmus und Sprache. Wie diese korrelieren und verbunden sind, wird sowohl im evolutionären Kontext als auch in kognitiven Prozessen und musikspezifisch (inter)kulturellen Zusammenhängen erörtert. Apropos Buch: Mit ihrem Mali-Roman Aus dem Rhythmus besticht Ulli Sanou neben ihrem musikalischen auch mit ihrem schriftstellerischen Können.

Rhythmus steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt unseres Arbeitslebens. Da er nicht nur allgegenwärtig und in Biologie, Umwelt, Verhalten und tagtägliche Abläufe von uns Menschen eingeschrieben ist, sondern auf psychischer Ebene auch ein multidimensionales psychologisches Konstrukt ist, wird sich einer der folgenden Blogs der großen Frage widmen: Was ist Rhythmus? Bis dahin – keep grooving!

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