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Die Djembe, derzeit interessanterweise eine der beliebtesten Handtrommeln der westlichen Welt, hat ihren Ursprung in Westafrika. Hartnäckigen, allerdings aus ziemlich seriösen Quellen stammenden Gerüchten zufolge gibt es sie in der uns bekannten geschnitzten Form ungefähr seit Beginn des 20. Jhdts. Die vor ihrer Zeit auf sogenannten Baras gespielten Rhythmen wurden auf das damals neu entwickelte Instrument übertragen. Will man den mündlichen Überlieferungen Glauben schenken, so kennt man sogar den Geburtsort der Djembe und deren Schöpfer (Details würden den Rahmen dieses Essays sprengen...). Die Formgebung dürfte primär durch die seit ca. 6000 Jahren existierende, und im arabischen Raum gewachsene Tabla oder Darabukka beeinflusst sein. Die Araber hatten aufgrund ihrer regen Handelsbeziehungen zu vielen westafrikanischen Völkern und durch ihren missionarischen Eifer, den Islam über die animistische Tradition siegen zu lassen, gehörig starken Einfluss auf die Region. Es liegt nahe, daß die Westafrikaner die viel kleinere, in ihrer vasenförmigen Form allerdings sehr ähnliche Tabla kannten. Weiters dürfte der Schnitzer der ersten Djembe von der Form der in Afrika flächendeckend üblichen Mörser zum Stampfen von Getreide inspiriert gewesen sein. Einmal ein Loch durch den Holzboden gestoßen, aus reiner Experimentierfreude ein Fell darüber gespannt: da muß dieser gewisse Klang gewesen sein.. Zuerst war die Klangqualität der Djembe von tiefer Natur, da die Fellspannung mit eingedrehten Tierhautstreifen oder einfachen Bastschnüren gehalten wurde. So hatte bis zum Etappensieg westlicher Qualitätsleinen auch jeder Djembesolist immer zwei Trommeln; die eine regenerierte sich erschöpft neben dem Feuer, um dabei die Fellspannung zu erhöhen, auf der anderen wurde solange gespielt, bis deren Fellspannung wiederum nachließ. Dann wurde einfach getauscht. Wie kommt der Rhythmus ins Blut? Sicher nicht genetisch begründet, sondern durch Prägung. Bevor ein kleiner Malinke halbwegs sicher gehen kann, kann er tanzen. Denn das erfährt er täglich. Die Rhythmen dringen schon in seiner kleinsten Kindheit so tief in sein Unterbewusstsein ein, daß das spätere Erlernen der Rhythmik nur noch eine Frage der Motorik ist. Und diese wird von klein auf wunderbar geschult. Aus entwicklungspsychologischen Studien weiß man, das die erste Sensibilisierung der Feinmotorik durch das Krabbeln erfolgt. Dieses reflektorische Bewegungsmuster aus den Tiefen der unbewußt-kollektiven Zwischenhirnerfahrung mit rhythmisch- symmetrischem Charakter fördert die nervliche Vernetzung zwischen den beiden heutzutage so gerne zitierten Gehirnhemisphären. Bei unserem kleinen Malinke wird dieser Effekt noch durch das ständige Getragenwerden in fest angeschnallter Form am Rücken verstärkt. Die Gehbewegung und auch die Tanzbewegung werden so direkt übertragen. Die unglaublich rhythmische Virtuosität der Malinke hat sich in Form der Djembe und deren charakteristischer Rhythmen aller Schwierigkeitsabstufung rasant verbreitet. Zuerst in Afrika, versteht sich. Seit dem interkontinentalen Ausbau der Infrastruktur und den daraus resultierenden Verbindungsnetzen kam die Djembe auch bei anderen musikalischen Völkern, und daraus resultierend in anderen Ländern in Mode. So hatten die ja traditionsgemäß auch außerordentlich musikalischen Wolof im Senegal ihren Erstkontakt mit dem Instrument durch den Bau der Eisenbahnlinie Bamako (Mali) - Dakar (Senegal). Je weiter man sich
vom Zentrum der Djembe wieder entfernt, um so ungenauer, verschwommener
oder vereinfachter werden die Rhythmen gespielt. Allerdings mischen sie
sich auch oft auf interessante Weise mit den Rhythmen anderer Völker,
so haben beispielsweise die erwähnten Wolof anfangs einfach ihre
eigenen Rhythmen auf die Djembe übertragen. Die Kreise ziehen sich
heute allerdings weit über Afrika hinaus, nahezu um die ganze Welt.
Das liegt aber weniger am Instrument selbst als an den durch die Malinke
überlieferten, überaus zahlreichen rhythmischen Varianten. Zwischenzeitlich
gibt es weltweit tausende Malinke-Kolonien; rhythmusbegeisterte Menschengruppen,
die mit Vorliebe die geniale Musik der Malinke spielen, von Paris bis
Stockholm, von Australien bis Indonesien. Ergänzend ist außerordentlich wichtig zu erwähnen, daß die Djembe in ihrem traditionellen Kontext kein eigenständiges Instrument, sondern integrierter Bestandteil eines Ensembleinstrumentariums ist. Drei Basstrommeln unterschiedlicher Größe und Stimmung weben ein rhythmisch melodisches Grundmuster. Jede dieser "Doundouns" ist mit einer kleinen Glocke bestückt. Mit einer Hand wird eine eng gesetzte Glockengroove gespielt, die andere Hand bespielt das Fell mit einem Stick. Das Zusammenspiel der drei Basstrommeln bildet die Grundlage für den Rhythmus und legt seinen Namen fest. Auffällig ist, daß die Glocken nicht lieblich oder fein klingen. Bei näherer Auseinandersetzung mit dem Phänomen der psychoakkustischen Wirkungsweisen westafrikanischer Musik stellt sich heraus, daß das sehr wohl beabsichtigt ist. Fast jedes der in Westafrika gespielten Instrumente hat einen eigenartigen "Soundverzerrer" eingebaut. Bei den Djemben oder anderen Handtrommeln sind es große Metallplatten mit vielen kleinen Rasselringen, die beim Anschlag des Fells leicht mitrasseln. Bei den Balafonen (afrikanische Xylophone) werden die aus ausgehöhlten Kürbissen hergestellten Resonanzkörper mit einem kleinen Loch versehen. Darüber wird eine Schnarrmembran, früher ein Spinnenkokon, heute meist ein Stück Plastiktüte geklebt. Nicht selten brachte ich auf Bühnen oder in Studios die tonabnehmenden Techniker zur Verzweiflung, da sie sich auf die akribische Suche nach einem "Störsignal" gemacht haben, bis ich sie aufklären musste, daß dies gar keines ist.... Selbst Saiteninstrumente haben oft so eine Schnarrvorrichtung. Man findet auch heute noch auf der ganzen Welt einfache Rahmentrommeln, beispielsweise die arabische Bendir, die auf der Rückseite einen dünnen und gespannten Draht am Fell anliegen haben. Bei jedem Anschlag schwingt dieser Draht mit und verzerrt somit bewusst den Ton. Diese Trommeln sind im übrigen die Vorläufer der heute jedem Drummer so unentbehrlichen Snaredrum. Nun, die Glocken der Basstrommeln erfüllen zwei wesentliche Funktionen: Zum Einen geben sie dem Rhythmus durch ihr eng gesetztes Cluster den nötigen Zusammenhalt und zum Anderen löst dieses feine, regelmäßige Ticken im Hintergrund tranceinduzierende Effekte aus. Dies ist ein äußerst interessantes Thema, welches allerdings den Rahmen dieses Textes sprengen würde. Abschliessend möchte ich noch den ausserordentlichen Einfluß der Malinketradition auf nahezu alle zeitgenössischen Popularmusikstile des 20. Jahrhunderts hinweisen. Die schwarze Bevölkerung Amerikas, noch gar nicht so lange aus ihrer isolierten und diskriminierten Position befreit (wenn überhaupt), pflegte ihre rhythmusbetonte Tradition über die Jahrhunderte weiter. Während in den reichen Häusern höfisch gebalzt und auf der Strasse gefiedelt und geschrummt wurde, groovten sich die Schwarzen auf ihren Trommeln zusammen. Dies war zwar nicht selten verboten, darüber setzten sich die Unterdrückten allerdings oft mit viel Geschick und List hinweg. Ob Gospels, rhythm and blues oder Jazz: Die Urheber dieser rhythmussensiblen Stile und die meisten ihrer herausragenden Interpreten waren allesamt keine Weißen. Die zeitgenössischste, in ihren Wurzeln tiefafrikanische musikalische Kreation äußert sich nicht nur durch den massiv in den Vordergrund gestellten Rhythmus sondern auch durch eine weitere, an den Kommunikationscharakter afrikanischer Musik erinnernde Charakteristik: "Call and response", wie auch schon aus den alten Gospels bekannt: über den Umweg des neuen Kontinentes kommt Hiphop direkt aus Afrika! |
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