Die Djembe beatfactory - die Trommelschule
ein Essay von Gerhard Kero

Die Djembe, derzeit interessanterweise eine der beliebtesten Handtrommeln der westlichen Welt, hat ihren Ursprung in Westafrika. Hartnäckigen, allerdings aus ziemlich seriösen Quellen stammenden Gerüchten zufolge gibt es sie in der uns bekannten geschnitzten Form ungefähr seit Beginn des 20. Jhdts. Die vor ihrer Zeit auf sogenannten Baras gespielten Rhythmen wurden auf das damals neu entwickelte Instrument übertragen. Will man den mündlichen Überlieferungen Glauben schenken, so kennt man sogar den Geburtsort der Djembe und deren Schöpfer (Details würden den Rahmen dieses Essays sprengen...).

Die Formgebung dürfte primär durch die seit ca. 6000 Jahren existierende, und im arabischen Raum gewachsene Tabla oder Darabukka beeinflusst sein. Die Araber hatten aufgrund ihrer regen Handelsbeziehungen zu vielen westafrikanischen Völkern und durch ihren missionarischen Eifer, den Islam über die animistische Tradition siegen zu lassen, gehörig starken Einfluss auf die Region. Es liegt nahe, daß die Westafrikaner die viel kleinere, in ihrer vasenförmigen Form allerdings sehr ähnliche Tabla kannten. Weiters dürfte der Schnitzer der ersten Djembe von der Form der in Afrika flächendeckend üblichen Mörser zum Stampfen von Getreide inspiriert gewesen sein. Einmal ein Loch durch den Holzboden gestoßen, aus reiner Experimentierfreude ein Fell darüber gespannt: da muß dieser gewisse Klang gewesen sein..

Zuerst war die Klangqualität der Djembe von tiefer Natur, da die Fellspannung mit eingedrehten Tierhautstreifen oder einfachen Bastschnüren gehalten wurde. So hatte bis zum Etappensieg westlicher Qualitätsleinen auch jeder Djembesolist immer zwei Trommeln; die eine regenerierte sich erschöpft neben dem Feuer, um dabei die Fellspannung zu erhöhen, auf der anderen wurde solange gespielt, bis deren Fellspannung wiederum nachließ. Dann wurde einfach getauscht.
Die Djembe ist eine traditionelle Trommel der Malinke, einer in Guineé und Mali angesiedelten ethnischen Untergruppe der im westafrikanischen Raum angesiedelten Mande-Volksgruppe. Die meist seitens der ehemaligen Kolonialpatronanzen künstlich gezogenen Staatsgrenzen zerrissen die Völker sowohl in ihren teils nomadenhaften Traditionen, als auch in ihrer kulturellen Verständigung. Zwischen dem 13. und 15. Jhdt. existierte in Westafrika ein blühendes Großreich Mali. Malinke heißt übersetzt:" Mensch aus Mali". Wenn man sich für die genaue Herkunft der Djembe interessiert, kann man in immer enger werdenden konzentrischen Kreisen in die Grenzregion zwischen dem heutigen Mali (Wassolo) und Guineé (Hamana) eintauchen. Je mehr man sich diesem Zentrum nähert, um so virtuoser, artenreicher, vielfältiger und authentischer wird die der Djembe so eigene Musik. Zuletzt landet man auf Guinée-Seite in dem Dorf Kouroussa, dem Auge des Hurrikans. Die Komplexität der Rhythmik hat dort so dermaßen abgehoben, daß die ersten, vor ca. 200 Jahren in diese Region vordringenden Musikethnologen mit der Aussage zurückkehrten: "Sie schlagen wild und zusammenhanglos auf ihre Trommeln ein. Aber irgendwie dürften sie sich gegenseitig doch verstehen." Die honorigen Herren hatten damals sozusagen so gut wie nichts kapiert. Die rhythmische Virtuosität hat gegenüber derjenigen der westlichen Welt in etwa einen solchen Vorsprung wie der Alpentalbewohner gegenüber einem Buschmann beim Firngleiten.

Wie kommt der Rhythmus ins Blut? Sicher nicht genetisch begründet, sondern durch Prägung. Bevor ein kleiner Malinke halbwegs sicher gehen kann, kann er tanzen. Denn das erfährt er täglich. Die Rhythmen dringen schon in seiner kleinsten Kindheit so tief in sein Unterbewusstsein ein, daß das spätere Erlernen der Rhythmik nur noch eine Frage der Motorik ist. Und diese wird von klein auf wunderbar geschult. Aus entwicklungspsychologischen Studien weiß man, das die erste Sensibilisierung der Feinmotorik durch das Krabbeln erfolgt. Dieses reflektorische Bewegungsmuster aus den Tiefen der unbewußt-kollektiven Zwischenhirnerfahrung mit rhythmisch- symmetrischem Charakter fördert die nervliche Vernetzung zwischen den beiden heutzutage so gerne zitierten Gehirnhemisphären. Bei unserem kleinen Malinke wird dieser Effekt noch durch das ständige Getragenwerden in fest angeschnallter Form am Rücken verstärkt. Die Gehbewegung und auch die Tanzbewegung werden so direkt übertragen.

Die unglaublich rhythmische Virtuosität der Malinke hat sich in Form der Djembe und deren charakteristischer Rhythmen aller Schwierigkeitsabstufung rasant verbreitet. Zuerst in Afrika, versteht sich. Seit dem interkontinentalen Ausbau der Infrastruktur und den daraus resultierenden Verbindungsnetzen kam die Djembe auch bei anderen musikalischen Völkern, und daraus resultierend in anderen Ländern in Mode. So hatten die ja traditionsgemäß auch außerordentlich musikalischen Wolof im Senegal ihren Erstkontakt mit dem Instrument durch den Bau der Eisenbahnlinie Bamako (Mali) - Dakar (Senegal).

Je weiter man sich vom Zentrum der Djembe wieder entfernt, um so ungenauer, verschwommener oder vereinfachter werden die Rhythmen gespielt. Allerdings mischen sie sich auch oft auf interessante Weise mit den Rhythmen anderer Völker, so haben beispielsweise die erwähnten Wolof anfangs einfach ihre eigenen Rhythmen auf die Djembe übertragen. Die Kreise ziehen sich heute allerdings weit über Afrika hinaus, nahezu um die ganze Welt. Das liegt aber weniger am Instrument selbst als an den durch die Malinke überlieferten, überaus zahlreichen rhythmischen Varianten. Zwischenzeitlich gibt es weltweit tausende Malinke-Kolonien; rhythmusbegeisterte Menschengruppen, die mit Vorliebe die geniale Musik der Malinke spielen, von Paris bis Stockholm, von Australien bis Indonesien.
So verbindend diese Entwicklung auch ist, so viele Probleme wirft sie auch auf. Der noch kärglich verbliebene afrikanische Wald kann den weltweiten Bedarf an Djemben nicht abdecken. Deshalb gehört ein weitsichtiges und umweltbewusstes Verhalten zum guten Ton eines umsichtigen Djembespielers. Es muss nicht Mahagoni oder Palisander sein, auch wenn der insgeheimen Verlockung, eine "original westafrikanische Djembe" zu besitzen allemal schwer zu widerstehen sein mag. Glücklicherweise gibt es schon viele kreative Nachbauten mit den jeweils heimischen Hölzern, die sich durchaus sehen und ebenso hören lassen können.
Für einen guten Klang spielen die Holzart, das richtig abgestimmte Verhältnis zwischen Resonanzraum und Schalloch, die Wandstärke, der Umfang, und vor allem das Fell eine Rolle. Dieses sollte einmal einer Ziege gehört haben, und zwar vorzugsweise einer afrikanischen. Hier geht's ganz sicher um keinen Mythos, sondern um die Hautqualität, die sich aufgrund unterschiedlichen Klimas und unterschiedlicher Ernährung entscheidend, besonders in ihrer Fettanteiligkeit, Elastizität und Stärke, auf die Klangqualität auswirkt. Es ist immer wieder in Mode gekommen, dem Körper ein anderes Fell zu verpassen, beispielsweise Hirsch, Schaf oder Kalb. Das klingt dann so, als würde man einer klassischen Violine E-Gitarrensaiten aufziehen. An sich wertfrei, aber dann ist es halt keine Djembe mehr...

Ergänzend ist außerordentlich wichtig zu erwähnen, daß die Djembe in ihrem traditionellen Kontext kein eigenständiges Instrument, sondern integrierter Bestandteil eines Ensembleinstrumentariums ist. Drei Basstrommeln unterschiedlicher Größe und Stimmung weben ein rhythmisch melodisches Grundmuster. Jede dieser "Doundouns" ist mit einer kleinen Glocke bestückt. Mit einer Hand wird eine eng gesetzte Glockengroove gespielt, die andere Hand bespielt das Fell mit einem Stick. Das Zusammenspiel der drei Basstrommeln bildet die Grundlage für den Rhythmus und legt seinen Namen fest.

Auffällig ist, daß die Glocken nicht lieblich oder fein klingen. Bei näherer Auseinandersetzung mit dem Phänomen der psychoakkustischen Wirkungsweisen westafrikanischer Musik stellt sich heraus, daß das sehr wohl beabsichtigt ist. Fast jedes der in Westafrika gespielten Instrumente hat einen eigenartigen "Soundverzerrer" eingebaut. Bei den Djemben oder anderen Handtrommeln sind es große Metallplatten mit vielen kleinen Rasselringen, die beim Anschlag des Fells leicht mitrasseln. Bei den Balafonen (afrikanische Xylophone) werden die aus ausgehöhlten Kürbissen hergestellten Resonanzkörper mit einem kleinen Loch versehen. Darüber wird eine Schnarrmembran, früher ein Spinnenkokon, heute meist ein Stück Plastiktüte geklebt. Nicht selten brachte ich auf Bühnen oder in Studios die tonabnehmenden Techniker zur Verzweiflung, da sie sich auf die akribische Suche nach einem "Störsignal" gemacht haben, bis ich sie aufklären musste, daß dies gar keines ist.... Selbst Saiteninstrumente haben oft so eine Schnarrvorrichtung. Man findet auch heute noch auf der ganzen Welt einfache Rahmentrommeln, beispielsweise die arabische Bendir, die auf der Rückseite einen dünnen und gespannten Draht am Fell anliegen haben. Bei jedem Anschlag schwingt dieser Draht mit und verzerrt somit bewusst den Ton. Diese Trommeln sind im übrigen die Vorläufer der heute jedem Drummer so unentbehrlichen Snaredrum. Nun, die Glocken der Basstrommeln erfüllen zwei wesentliche Funktionen: Zum Einen geben sie dem Rhythmus durch ihr eng gesetztes Cluster den nötigen Zusammenhalt und zum Anderen löst dieses feine, regelmäßige Ticken im Hintergrund tranceinduzierende Effekte aus. Dies ist ein äußerst interessantes Thema, welches allerdings den Rahmen dieses Textes sprengen würde.
Die drei Basstrommeln haben Namen: die Kenkeni (oder Kensedeni), was soviel bedeutet wie: das kleine Glöckchen, ist die Kleinste. Die Doundoun (oder Doundounba), was einfach soviel heisst wie Trommel (oder große Trommel) ist die Größte und Tiefste. Die Sangpan spielt die Leitfigur. Ein angespielter Rhythmus definiert sich immer über die Sangpanlinie. Wenn man dem heute in Brasilien angesiedelten Wort SAMBA nachgeht, so stösst man auf die Tatsache, daß es sich dabei vor langer Zeit um die Bezeichnung einer Trommel gehandelt hat. Da im Zuge der Sklaverei abertausende Westafrikaner sowohl nach Nord - als auch nach Südamerika natürlich auch ihre Kultur und deren Ausdrucksmittel mitgenommen haben, ist es naheliegend, daß die eben angesprochene Trommel eben die Sangpan war. In der neuen Umgebung unter völlig neuen kulturellen Voraussetzungen schlug die Evolution der Rhythmusentfaltung dann irgendwann einmal unwiderruflich den Weg in Richtung des heute weltweit bekannten Samba ein.

Abschliessend möchte ich noch den ausserordentlichen Einfluß der Malinketradition auf nahezu alle zeitgenössischen Popularmusikstile des 20. Jahrhunderts hinweisen. Die schwarze Bevölkerung Amerikas, noch gar nicht so lange aus ihrer isolierten und diskriminierten Position befreit (wenn überhaupt), pflegte ihre rhythmusbetonte Tradition über die Jahrhunderte weiter. Während in den reichen Häusern höfisch gebalzt und auf der Strasse gefiedelt und geschrummt wurde, groovten sich die Schwarzen auf ihren Trommeln zusammen. Dies war zwar nicht selten verboten, darüber setzten sich die Unterdrückten allerdings oft mit viel Geschick und List hinweg. Ob Gospels, rhythm and blues oder Jazz: Die Urheber dieser rhythmussensiblen Stile und die meisten ihrer herausragenden Interpreten waren allesamt keine Weißen. Die zeitgenössischste, in ihren Wurzeln tiefafrikanische musikalische Kreation äußert sich nicht nur durch den massiv in den Vordergrund gestellten Rhythmus sondern auch durch eine weitere, an den Kommunikationscharakter afrikanischer Musik erinnernde Charakteristik: "Call and response", wie auch schon aus den alten Gospels bekannt: über den Umweg des neuen Kontinentes kommt Hiphop direkt aus Afrika!

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