Wie aus der Schwerkraft Leichtkraft wird

ein Artikel von Ulli Sanou


Hört man Leuten zu, wenn sie über Trommeln oder afrikanischen Tanz reden, fällt fast immer das Wort „erdig“.
Nun, „erdig“ fordert die Assoziation „leicht“ nicht eben zwingend heraus....
Aber ohne „Erdung“ gibt es weder beim Trommeln noch beim Tanzen Leichtigkeit..... ohne Erdung ist die Schwerkraft nicht zu überwinden.
Leichtigkeit und Freude sind eins.

Ich sitze mit einer Gruppe Trommelschüler im Kreis, wir erarbeiten einen neuen Rhythmus. Die Abfolge der Hände muss gelernt werden, die Schläge müssen so genau wie möglich platziert werden. Es gibt Menschen, die sind in der glücklichen Lage,  das Gehörte vom Ohr ohne Umweg über das Gehirn direkt in die Hände transportieren zu können, aber die meisten müssen sich durch die Ganglien quälen und das dauert. Dieser Umweg ist der Musik nicht gerade förderlich, also holpert und eiert der Rhythmus schwer durch den Raum - bis immer mehr der Spieler immer seltener vordenken müssen. Und dann, von einem Moment zum anderen,  erfolgt plötzlich der Wechsel von Schwere zu Leichtigkeit, von Gehölze zu Musik.... Ein zeitgeistiger Ausdruck dafür ist wahrscheinlich „flow“. Es ist ein Gefühl, als würde sich ein Nebel, der am Boden herumwabert, heben und den Blick auf eine weite Landschaft freimachen - die Musik wird leicht, trägt sich selbst und uns dazu, und es kommt im wahrsten Sinne des Wortes Freude auf, deutlich daran erkennbar, dass es allen Anwesenden die Mundwinkel so weit auseinander zieht, dass man den Eindruck gewinnt, sie könnten sich am Hinterkopf treffen.

Welcher Zauber hat das bewirkt? Gar kein Zauber, sondern eine gelungene Kombination aus
a) sich im Hier und Jetzt befinden (sich also aus einer geistigen Sphäre, betreffend Zukunft oder Vergangenheit in die augenblicklich von Rhythmus und Tönen dominierte Gegenwart zu katapultieren) und
b) einem sich Niederlassen im eigenen Körper (also vom Denken zum Wahrnehmen, Spüren, Hören usw zu kommen).
Die Sinne sind an die Materie gebunden, die Materie an die Schwerkraft, und ausgerechnet daraus soll Leichtigkeit entstehen? Paradox.

Als ich das erste Mal Tänzerinnen in Afrika sah, drängte sich mir folgender Gedanke auf: die tanzen gleichzeitig nach oben und nach unten. Und damit habe ich das Phänomen „erden“ auf den Punkt gebracht - nur war mir das damals noch nicht klar. Erst im Laufe der Zeit konnte ich in Worte fassen, was ich  gesehen und was mein kinästheischer Sinn begriffen hatte:  sich erden bedeutet nicht - wie so manche/r irrtümlich glaubt - sich ungespitzt in die Erde zu schrauben. Sich erden bedeutet, sich an der Schwerkraft aufzurichten. Die Schwerkraft ist wahrscheinlich die uns am meisten prägende Kraft. Wenn wir uns erden, bedienen wir uns dieser Kraft, um leichter zu werden. Wir stellen die Fußsohlen auf den Boden, lassen Energie nach unten ab und gleichzeitig steigt eine Kraft nach oben, die wir in jede gewünschte Art von Bewegung umwandeln können. Das passiert im Prinzip beim Gehen und ich vermute, dass alle Arten von „natürlichem“ Tanz diesem Bewegungsprinzip unterworfen sind.
Eines jedoch weiß ich, weil ich es tausende Male erfahren und gespürt habe: die Leichtigkeit, die daraus entsteht, erzeugt unweigerlich Freude, deutlich daran erkennbar - siehe oben.