Die Djembe

ein Essay von Gerhard Kero         


Die Djembe, derzeit interessanterweise eine der beliebtesten Handtrommeln der westlichen Welt, hat ihren Ursprung wahrscheinlich in der westafrikanischen Grenzregion zwischen Mali und Guinea. Die Frage nach ihrer Herkunft trägt immer wieder zu verführerischen, mystifizierenden und verklärenden Spekulationen bei. Gesichert ist, dass eben keine gesicherten Quellen über ihr Alter existieren. Als uns mit der Strauss Expedition ca. 1860 erste Bilder Westafrikas erreichten,  existerte sie jedenfalls, an ihrer Formgebung deutlich erkennbar, bereits. Über das Alter der Djembe ist so gut wie nichts bekannt. Nach heutigem Wissen sind Flöten schon länger in Verwendung als Trommeln, 35.000 Jahre alte Höhlenfunde (Baden-Baden) können dies bezeugen. Die älteste bekannte Trommel bringt es gerade einmal auf ca. 10.000 Jahre. Die frühesten Formen der Musik scheinen im Zuge des Überganges von der nomadischen Lebensweise zu Ackerbau und Viehzucht in der neolithischen Revolution bei der Übersetzung zum goldenen Halbmond aus Afrika mitgebracht worden zu sein.
Für das Wort Djembe existiert keine Ethymologie, keine Wortwurzel. Es handelt sich schlicht um einen Eigennamen, um die Bezeichnung einer speziellen Bechertrommel. Am ehesten scheint sie den Numu, einer ca. 2500 Jahren alten Zunft mit sowohl profanen als auch spirituellen Aufgaben innerhalb der Mandegesellschaft zuschreibbar zu sein. Ob die Formgebung durch die seit ca. 6.000 Jahren im nordafrikanischen Raum verwendete Tabla  (arab.: Tisch, glatte Oberfläche, Trommel, etc...) oder Darbuka beeinflusst wurde ist ebenso Spekulation wie das Argument, der Schnitzer der ersten Djembe dürfte von der Form der in Afrika flächendeckend üblichen Mörser zum Stampfen von Getreide inspiriert gewesen sein. Einmal ein Loch durch den Holzboden gestoßen, aus reiner Experimentierfreude ein Fell darüber gespannt: da muss dieser gewisse Klang gewesen sein...
Die zwischenzeitlich international etablierte Schreibweise „Djembe“ darf hinterfragt werden, stellt sie nämlich eine Simplifizierung des französischen „Djembé“ dar. Im Englischen ist nach wie vor „Jembe“ gängig. Entsprechend der Richtlinien der DNAFLA (nationale Direktion für angewandte Linguistik und funktionelle Alphabetisierung) der Republik Mali wäre „Jenbe“ die richtige Schreibweise, in Guinea schreibt man „Dyembe“.

Bis in die 1970-er Jahre war die Klangqualität der Djembe von tiefer Natur, da die Fellspannung mit eingedrehten Tierhautstreifen oder einfachen Bastschnüren gehalten wurde. So hatte bis zum Etappensieg westlicher Qualitätsleinen auch jeder Djembesolist immer zwei Trommeln; die eine regenerierte sich erschöpft neben dem Feuer, um dabei die Fellspannung zu erhöhen, auf der anderen wurde solange gespielt, bis deren Fellspannung wieder nachließ. Dann wurde einfach getauscht. In den 1970-er Jahren wurden die bis dahin herkömmliche Pflock - bzw. Nahtbespannung von der Eisenring - Klemmbespannung abgelöst. Dieser Akt der Globalisierung vollzog sich an den Kulturtransferschnittstellen, also den afrikanischen, europäischen und amerikanischen Großstädten. In Afrika etablierte sich die neue Technik zuerst in Abidjan (Elfenbeinküste), dann in Dakkar (Senegal) und erst 10 Jahre später in Bamako (Mali) und Conakry (Guinea).  Es kann davon ausgegangen werden, dass die Djembemusik nicht über die Dörfer, sondern über die urbanen Lebensräume Westafrikas zu den Städten der Welt kam.

Die Djembe definiert sich weder durch ihre Bespannungssystem noch  durch ihr Fell, sondern durch den Korpus.  Zwischen Schale (Kessel) und Fuß braucht es eine harte Kante zwecks Definition des Basstones. Das Verhältnis zwischen Kessel und Fuß spielt für das Klangverhalten ebenso eine Rolle wie die Enge des Überganges. Je enger, desto tiefer, aber auch schwächer der Baßton. Je weiter, desto höher und intensiver der Baßton, welcher dann auch schneller anspringt, allerdings beim Anschlag auch die Randtöne mitklingen lässt. Zylindrische, exponentielle oder konische Formen sind temporäre und regionale Stile und Modeerscheinungen.

Die Djembe ist die Trommel einiger Mande-Ethnien im westafrikanischen Mandeng. Den in Guinea und Mali angesiedelten Maninka wird sie am meisten zugesprochen, wobei sie auch von wechselseitig verständlichen Sprachgruppen wie Bamana, Wasolonka, Soninke, Kasonke etc. gespielt wird. Im traditionellen Kontext ist die Djembemusik zu diversen Anlässen auf Tanz - und Trommelfesten zu hören. Dazu gehören Verlobungen, Hochzeiten,  männliche Beschneidungen, Namensgebungen und leider immer noch weibliche Genitalverstümmelungen genauso wie saisonale landwirtschaftliche Ereignisse, jährliche Dorffeste und beeindruckende Maskentänze. Auserwählte männliche Geheimbundmitglieder treten mittels eigener Djembestücke und den dazugehörigen Fetischtänzen mit den sogenannten Komas, furchterregenden Halbgöttern bzw. Geistwesen, in Verbindung und versprechen sich selbst davon einen Blick in die Zukunft und anderen eine angsterfüllte Nacht. Im urbanen Raum sind diese panikauslösenden Stücke aus Sicherheitsgründen in der Zwischenzeit meist verboten. Schliesslich spielt die Djembe noch „Jina-foli“, die Geistheilungszeremoniemusik. Jina, ein Lehnwort aus dem Arabischen, bedeutet in den Sprachen Malis „Geist“. Ein Geist kann die Ursache vieler psychischer wie körperlicher Krankheiten sein. Ist man nach der Behandlung durch eine mit Jinas kommunizierende Heilerin (Jina-Karamogo) gesundet, folgt darauf die Einweihung in deren Kult. Jetzt gestattet man dem Geist zum ersten Mal, was man ihm auf vielen weiteren Festen immer wieder gewähren wird: Man versetzt sich tanzend in Trance und lässt sich der Schwelle zur Ekstase entgegenfallen, um vom Geist besessen zu werden. In diesem Zustand wird der Geist theatralisch und therapeutisch ausgelebt. Die Rolle der Trommler ist es, die Geister zu rufen und die Menschen zum Tanzen zu bringen. Die Zeremonien sind öffentlich, jeder kann teilnehmen. Aber nur die Besessenen mit ihren Karamogos dürfen tanzen. Die Heilung kann spontan während der Zeremonie erfolgen oder auch erst später.

Im ländlichen Raum betreibt der Dorftrommler seine Funktion neben seiner Haupttätigkeit als Landwirt, während sich in den Städten das Berufsbild des Festmusiktrommlers etabliert hat. Da sich dort Vertreter vieler Ethnien tummeln, muss er sich ein riesiges Repertoir an Stücken aneignen, um alle Festanlässe abdecken und unterschiedlichste Bedürfnisse bedienen zu können. Die Trommler sind in Truppen organisiert und kooperieren ihrerseits mit den von Festen nicht wegzudenkenden Tänzerinnen und den sogenannten Griots. Der Begriff Griot ist während der französischen Kolonialherrschaft entstanden und beschreibt den in allen Mandegesellschaften seit der Zeit des großen Herrschers Sundiata Keita (13.Jhdt.) unverzichtbaren Jeli, dem alleine das hehre Musizieren vorbehalten ist. Dementsprechend herablassend blickt er auf das teils anrüchige Treiben der Festmusiktrommler, die mit ihrer Musik Lebensfreude, Erotik und Emotion transportieren. Die Jeli allerdings transportieren ihrerseits auch etwas, nämlich die Geschichte ihres Volkes und dessen Individuen. Daher gelten sie als Übermittler der Oraltradition. In einer Welt ohne Schriftsprache hat das gesprochene bzw. gesungene Wort besondere, ja mächtige Bedeutung. Und die Jeli sind Meister in der Beherrschung großer Worte. Aufgrund ihres überlieferten Wissens übten sie naturgemäß als Hüter der Moral und Berater immer schon Einfluß und Macht auf die jeweiligen weltlichen Herrscher aus. Da sie diese auch mahnen durften, hatten sie im Volk einen Vermittlerstatus inne. Ihr an sich hohes Ansehen in der Bevölkerung wird oft durch ihre typische Schöntuerei getrübt. Damit verdienen sie allerdings ihren Lebensunterhalt. Sie besingen im Rahmen festlicher Aktivitäten sowohl Lebende als auch Verstorbene auf löblichste Art und erhalten dafür Bares. Je mehr bezahlt wird, umso rühmlicher steigt der Besungene, und damit seine gesamte Familie, dabei aus. Durch ihr gesungenes Wort wird sozusagen Familiengeschichte geschrieben. Allzu oft findet sich ihre bevorzugte Klientel nicht bei den wahren Helden sondern bei den Reichen. Im Gegensatz dazu gehören die Festmusiktrommler nicht unbedingt zur wohlhabenden Oberschicht.

Neben den bereits beschriebenen Funktionen haben sich für Djembespieler seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch weitere Betätigungsfelder aufgetan: Die nach Unabhängigkeit strebenden ehemaligen französischen Kolonien Westafrikas setzten identitätsstiftende Maßnahmen und gründeten unter anderem regionale, nationale und pannationale Ballets, die große Meister wie Famoudou Konate, Mamadi Keita u. a. hervorbrachten. Der ab den 1980-er Jahren einsetzende Djembetourismus nach vorwiegend Guinea und Mali, aber auch nach Burkina Faso, Elfenbeinküste und die Casamanceregion des Senegal verschaffte etlichen Musikern neue Einnahmequellen und schuf genaugenommen einen neuen musikalischen Stil, die Djembeunterrichtsmusik.

30.000 Jahre alte Felsmalereien berichten von einer grünen Sahara. Erst ca. 2.500 v.Chr. begann sie auszutrocknen, 500 v.C. schliesslich war sie endgültig Wüste geworden. Schon vor 3.000 Jahren kannte man in der Region berufliche Spezialisierung wie Fischerei, Jagd, Landwirtschaft, Hirtentum. Mit Eseln betrieb man Fernhandel, die Eisenverarbeitung oblag wie auch heute noch den Schmieden oder Numu. Erste Städte entstanden, ab dem 
3.  Jhdt v.Chr. war Djenné Djeno (Mali) besiedelt. Im 8.Jhdt n.Chr. zählte die Stadt 30.000 Einwohner, im Vergleich erreichte diese Population eine heutige Weltstadt wie  Köln erst im 15. Jhdt.  Kumbi Saleh, die Hauptstadt des alten Großreich Gana hatte im 11. Jhdt n.Chr. ca. 20.000 - 30.000 (Raymond Mauny, Sorbonne Paris) Einwohner und des Reich konnte eine Armee von 200.000 Soldaten aufbieten. 1235 besiegt der sagenumwobene, zum Islam konvertierte Sundiata Keita (Maninka) den animistischen König der Sosso Sumanguru Kante in der Schlacht bei Kirina und erhielt darauf den Titel Mansa (König). Das Nachfolgereich wurde Mali, und Niani im Süden Mandes, am Sankarani, dessen Hauptstadt. Das mit dem Malireich im 13. Jhdt noch kaum assoziierte Timbukt stellte mit über 100.000 Schriften in Arabisch und Fulbe  eine der größten Universitäten der Erde und erreichte im 15. Jhdt. seine Blütezeit. Mali stieg zur Weltmacht auf. Als der Herrscher Kankan Mussa im 1324 eine Pilgerreise nach Mekka antrat, ließ er seiner Karawane dermassen unvorstellbare Mengen an Gold aufladen, dass weltweit der Goldpreis abstürzte. Diesen Status konnte weder Mali noch irgendein anderes westafrikanisches Land halten, der weitere Verlauf der Geschichte ist hinlänglich bekannt und gipfelte einerseits im unmenschlichen Kapitel der Sklaverei und andererseits in der Aufteilung Afrikas in Kolonien, welche 1884 von den nach Afrika dringenden europäischen Mächten im Rahmen der Berliner Westafrikakonferenz besiegelt wurde. Die daraufhin am Reißbrett gezogenen Staatsgrenzen zerrissen die Völker sowohl in ihren teils nomadenhaften Traditionen, als auch in ihrer kulturellen Verständigung. Weit länger als ein halbes Jahrhundert fiel der Kontinent systematischer Ausbeutung zum Opfer, bis der 2. Weltkrieg de Gaulle dazu bewog, die Kolonialländer zu ersuchen, an Frankreichs Seite zu kämpfen. Als Zugeständnis dafür musste er 1947 den Untertanenstatus für die westafrikanischen Kolonien aufheben.

1958 treten Guinea und Ghana aus der Kolonialisation aus. 1960 folgen alle anderen kolonialisierten Länder außer Südafrika (Apartheid), Mozambique und Angola (portugiesisch). In Guinea wird Sekou Toure zum ersten Präsidenten und gründet identitätsstiftend den Prototypen des Nationalballets. Dieses unter dem Namen Ballets Africaine schon 1947/48 von Fodeba Keita in Paris gegründete Instrumentalorchester (anfangs spielte man kaum auf Trommeln) wurde 1958 verstaatlicht. Der Direktor und Choreograph Fodeba Keita wurde von Präsident Sekou Toure 1969 ermordet, war allerdings zuvor in seiner Funktion als Innenminister selbst für den repressiven Polizei - und Sicherheitsapparat verantwortlich, der dann gesäubert wurde. Seit der Verstaatlichung dieses legendären Ballets spielte man dort auch Djembe. Der Grundstein für die Verbreitung dieser Trommel und ihrer musikalischen Kultur war somit gelegt. 1961 wird das erste Nationalballet in Mali begründet. Bei einer Ausscheidung wird zum ersten Djembespieler Madou Faraba Silla aus Faraba ernannt. 1962 betritt die Djembe erstmals amerikanischen Boden. Im Zuge der ersten Welttournee in New York setzt sich der damalige erste Solist des Baletts Africains Ladji Camara ab. Famoudou Konate wird sein Nachfolger. 1964 wird unabhängig zum Nationalballet das Ballets Djoliba als zweites Nationalballet in Guinea gegründet. Mamadi Keita wird erster Solist. Somit stehen sich also zeitgleich jene beiden Musiker, die später die Djembemusik im großen Stil in die Welt tragen werden, als erste Solisten der beiden Parallelballets Guineas gegenüber. Beide haben seither kaum mehr Festmusik gespielt und damit die Djembemusik und deren weitere Entwicklung einem starken Wandel unterzogen. Als man anhand von Mamadi Keita und Famoudou Konate merkte, dass man mit Djembemusik berühmt werden und damit durchaus auch Geld verdienen konnte,  wurde 1980 ein weiteres Ballet, Percussion de Guineé, gegründet. Der globalen Verbreitung der Djembe stand also nichts mehr im Wege und rief in der Folge unzählige Mechanismen auf den Plan. Djembeensembles schossen aus dem Boden, der Exportmotor schnurrte und die Unterrichtsdjembemusik begann sich zu entwickeln. Heute gibt es Djemben aus Fiberglas, kanarischen Agaven, Waldviertler Fichten und verdichteten Hanffasern. Selbsternannte Gurus erzählen von Herzrhythmen und der uralten Macht der Trommel und nehmen, wenn´s denn sein muß, auch Bares als Energieaustausch.

All die hervorgebrachten Variationen, ob obskur oder seriös, konnten die Djembemusik in Afrika nicht davon abhalten, sich stetig weiterzuentwickeln. Zwischenzeitlich gibt es nicht nur weltweit tausende Maninka-Kolonien von Paris bis Tokyo und von Australien bis Alaska, also rhythmus-begeisterte Menschengruppen, die mit Enthusiasmus Djembe spielen, sondern es trauen sich auch schon jährlich viele der Rhythmik Verfallene, eine Reise in ein Kernland der Djembe anzutreten. Der musikalische Leckerbissen, der sie dort erwartet, stellt meist alle Erwartungen in den Schatten. Denn die Komplexität der Rhythmik hat dort so dermaßen abgehoben, daß einige der ersten, im 19. Jhdt. in diese Region vordringenden Musikethnologen mit der Aussage zurückkehrten: "Sie schlagen wild und zusammenhanglos auf ihre Trommeln ein, aber irgendwie dürften sie sich gegenseitig doch verstehen....." Die honorigen Musikforschenden hatten damals sozusagen so gut wie nichts kapiert. Die rhythmische Virtuosität hat gegenüber derjenigen der westlichen Welt in etwa einen solchen Vorsprung wie der Alpentalbewohner gegenüber einem Buschmann beim Firngleiten.

Die Djembe ist in ihrem traditionellen Kontext kein eigenständiges Instrument, sondern je nach Region integrierter Bestandteil eines Ensembleinstrumentariums. Grob lassen sich vier Regionalstile beschreiben:

Stil der Koyanka, Untergruppe der Maninka (manche betrachten sie auch als eigenständige Ethnie) südl. Kankan. Besetzung: 2x Djidundun (Wassertrommel) + 2x Djembe, eine davon normal, die andere klein mit einem Felldurchmesser von ca. 25 cm. Keine Dunduns.
Maninkastil Mamadi Keita und Famoudou Konate aus Hamana / Gberedu. Besetzung: Dundunba, Sangpan und Kenkeni, eine Leaddjembe und nur eine (!) Begleitdjembe. Famoudou Konate hat in den 1990-er Jahren kurzerhand die Kenkeni dazuerfunden, davor hatten sie keine!
Regionalstil Manden südl. Mali bzw. nördl. Guinea, davon leiten sich Malinke und Maninka ab. Kankaba im Zentrum ist die Hauptstadt der Griots. Besetzung: 2 Djemben (Lead und Begleitung), 1-2 Dunduns, welche kaum variieren.
Wasolon, Wasolonkan: Es gibt starke Indizien, daß die Djembe von den Numus aus dieser Region kommt. Besetzung: 2 sehr kleine basslose Djemben und 1 Konkoni, die ohne zu variieren spielt. 

Numus sind die Schmiede der arbeitsteilenden Gesellschaft und nicht nur für die Eisenverarbeitung, sondern auch für Schnitzerei und Magie zuständig. Ein guter Trommler lässt sich sein Instrument von einem Numu schnitzen und nicht von einem der tausenden Jugendlichen, der im Auftrag des Profits auf einer riesigen Hackschnitzelhalde an der Peripherie irgendeiner westafrikanischen Großstadt unterbezahlt und nicht versichert den immensen Djembebedarf für die Industrieländer zu decken versucht.

Um welchen Regionalstil auch immer es sich handelt, da ist etwas, das zur Djembemusik dazugehört wie der Kartoffelsalat zum Wienerschnitzel, Wasabi zu Sushi oder ein Snowboard zu einem Tiroler. Ohne fehlt etwas Grundlegendes:
Die elementare Pulsation wird je nach Stück einer speziellen mikrorhythmischen Verschiebung unterzogen, die jeweiligen zeitlichen Abstände zwischen den Pulsen sind also nicht exakt gleich. Allerdings offenbaren sich weder willkürliche noch beliebige, sondern klar strukturierte Muster. Mikrorhytmisch deshalb, weil die Verschiebung so klein bzw. auch nicht genau definiert ist, dass sie nicht exakt durch einen Notenwert beschrieben werden kann. Womit die gelebte Musik dem herkömmlichen Notationssystem seine Grenzen aufzeigt. Meist ist das Mikrotiming gemeint, wenn man allgemein vom "feeling" oder auch vom „phrasing“ spricht. Swing ist eine typische mikrorhythmische Verschiebung.

Bis auf ein paar die Regel bestätigenden Ausnahmen kennt die Djembemusik ausschließlich binäre ( 4/4 bzw. 8/8-taktige) bzw. ternäre (6/8 bzw. 12/8-taktige) Strukturen. 12/8-taktige Strukturen lassen sich wunderbar polyrhythmisch erleben, da das kleinste gemeinsame Vielfache von 3+4 eben 12 ergibt. Mit anderen Worten können wir entweder 3 beats á 4 Pulsen, oder 4 beats á 3 Pulsen hören, wobei Variante 2 die westafrikanische ist. Wie alle Djembespieler und Djembespielerinnen wissen, klingt das dann so, als handle es sich um 2 verschiedene Melodien. Daher Polyrhythmik.

Die 4 wichtigsten mikrorhythmischen Verschiebungen in der Djembemusik sind:


Binär vorgezogen (antizipiert):
1.Puls am beat, 2.+3. antizipiert, 4. in der Regel nicht verschoben

Bsp: Sogolon, Madan


Binär verzögert (retardiert):
1.Puls am beat, 2.+4. retardiert, 3. in der Regel nicht verschoben

Bsp: Djansa, Kassah
 4/4 Swing ist eine binär verzögerte Ausdrucksweise, die den Eindruck erwecken kann, daß es sich um einen 6/8 Takt handelt, also eine ternäre Form


Ternär vorgezogen (antizipiert):
1.Puls am beat, 2. antizipiert, 3. antizipiert oder auch nicht verschoben

Bsp: Soli, Sugu, Rhythmen aus der Dundunbafamilie


Ternär verzögert (retardiert):
1.Puls am beat, 2.retardiert, 3. retardiert bzw. nicht verschoben
Bsp: Wasolunka, Marakadon, Soko



Trotzdem jeder Djembemeister seinem Spiel mittels mikrorhythmischer Verschiebung eine ganz individuelle Note verleiht, es also augenscheinlich einen Rahmen gibt, innerhalb dessen er Verschiebungen individuell gestalten kann, gibt es doch einen breiten Konsens darüber, was noch im Rahmen, bzw. „richtig“ ist oder schon außerhalb dessen steht.
Mikrorhythmisch lebendig und systemimmanent zu spielen ist die wahre Kunst beim Djembespiel. Mikrotiming haucht dem jeweiligen Rhythmus sein ihm spezifisches Leben ein und lässt ihn dadurch noch einzigartiger werden als er sowieso schon ist. Je mehr Töne, bzw. je besser ein Djembespieler diese beherrscht, umso melodiöser kann er sein Spiel gestalten. Neben den geläufigen basics wie open tone, slap, tap und bass existiert noch eine Vielzahl anderer Sounds, die sich unzensuriert jederzeit kreativ erweitern lassen. Dem zugute kommen Bauweise, Form und schliesslich Bespannung der Djembe, welche durch ihr relativ dünnes Ziegenpergament im Zusammenhang mit der Kesselform diese Vielzahl an Tönen erst zulässt.

Wie der Rhythmus ins Blut kommt? Sicher nicht über die DNA, sondern durch Prägung. Im Umfeld der Festmusik kann der kleine Maninka tanzen bevor er halbwegs sicher gehen kann. Die Rhythmen dringen schon in seiner kleinsten Kindheit so tief in sein Unterbewusstsein ein, daß das spätere Erlernen der Rhythmik nur noch eine Frage der Motorik ist. Und diese wird gleich vom Start weg wunderbar geschult. Aus entwicklungspsychologischen Studien weiß man, dass die erste Sensibilisierung der Feinmotorik durch das Krabbeln erfolgt. Dieses reflektorische Bewegungsmuster aus den Tiefen der unbewußt-kollektiven Zwischenhirnerfahrung mit rhythmisch- symmetrischem Charakter fördert die nervliche Vernetzung zwischen den beiden heutzutage so gerne zitierten Gehirnhemisphären. Bei unserem kleinen Maninka wird dieser Effekt noch durch das ständige Getragenwerden in fest angeschnallter Form am Rücken verstärkt. Die Gehbewegung und auch die Tanzbewegung werden so direkt übertragen.

So verbindend die Verbreitung der Djembe und ihrer Musik ist, so viele Probleme wirft sie auch auf. Der noch kärglich verbliebene afrikanische Wald kann den weltweiten Bedarf an Djemben nicht abdecken. Deshalb gehört ein weitsichtiges und umweltbewusstes Verhalten zum guten Ton eines umsichtigen Djembespielers. Es muss nicht Lenke (Doussiekirsche, Afzelia Africana),  Jala (Afrikanischer Mahagonibaum, Khaya Senegalensis), Gbeng (Afrikanisches Palisander, Dalbergia), Guenou (Afrikanisches Rosenholz, Pterocarpus Erinaceus) oder Dugura (Wilder Mangobaum, Cordyla Africana) sein, auch wenn der insgeheimen Verlockung, eine "original westafrikanische Djembe" zu besitzen allemal schwer zu widerstehen sein mag. Glücklicherweise gibt es schon viele kreative Nachbauten mit den jeweils heimischen Hölzern, die sich durchaus sehen und ebenso hören lassen können. Für einen guten Klang spielen neben der Form die Holzart, das richtig abgestimmte Verhältnis zwischen Resonanzraum und Schalloch, die Wandstärke, der Umfang, und vor allem das Fell eine Rolle. Dieses sollte einmal einer Ziege gehört haben, und zwar vorzugsweise einer afrikanischen. Hier geht's ganz sicher um keinen Mythos, sondern um die Hautqualität, die sich aufgrund unterschiedlichen Klimas und unterschiedlicher Ernährung entscheidend, besonders in ihrer Fettanteiligkeit, Elastizität und Stärke, auf die Klangqualität auswirkt. Es ist immer wieder in Mode gekommen, dem Körper ein anderes Fell zu verpassen, beispielsweise Dachs oder Hirsch. Das wäre so, als würde man einer klassischen Violine E-Gitarrensaiten aufziehen. An sich wertfrei, aber dann klingt es halt vielleicht nach einer wunderschönen Trommel, ganz sicher aber nicht mehr nach Djembe...

Afrikanische Musik hat nahezu alle zeitgenössischen Popularmusikstile des 20. Jahrhunderts mitgeprägt. Die schwarze Bevölkerung Amerikas, noch gar nicht so lange aus ihrer isolierten und diskriminierten Position befreit (wenn überhaupt), pflegte ihre rhythmusbetonte Tradition über die Jahrhunderte weiter. Während in den reichen Häusern höfisch gebalzt und auf der Strasse gefiedelt und geschrummt wurde, groovten sich die Schwarzen auf ihren Trommeln zusammen. Dies war zwar nicht selten verboten, darüber setzten sich die Unterdrückten allerdings oft mit viel Geschick und List hinweg. Ob Gospels, Rhythm and Blues oder Jazz: Die Urheber dieser rhythmussensiblen Stile und die meisten ihrer herausragenden Interpreten waren allesamt keine Weißen. Die zeitgenössischste, in ihren Wurzeln tiefafrikanische musikalische Kreation äußert sich nicht nur durch den massiv in den Vordergrund gestellten Rhythmus sondern auch durch eine weitere, an den Kommunikationscharakter afrikanischer Musik erinnernde Stilistik: "call and response", wie auch schon aus den alten Gospels bekannt: über den Umweg des neuen Kontinentes kommt Hiphop direkt aus Afrika!

All die populären, weniger bekannten, zu profanen oder spirituellen Anlässen gespielten Djembestücke sind untrennbar mit dem Tanz verbunden. Die sich durch hochkomplexe und extravagante Musikalität und Tanzkunst manifestierende feinstoffliche Interaktion zwischen Tanzenden und Trommelnden sind ein Thema, welches einen eigenen Essay verdient.