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von Ulli Sanou Schnitt: Hochzeitsfest in Bamako/Mali. Es ist heiß, trocken, staubig. Ich stehe in einem Kreis aus Zusehern. Innerhalb des Kreises sitzt eine Gruppe von Trommlern, vor denen ständig kleine Feuerwerke explodieren. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß es sich dabei um Tänzerinnen handelt, die sich atemberaubend... siehe oben. Gott sei Dank tanzen sie hier einzeln, daher entgeht einem als Zuschauer nicht so viel. Bei manchen hat man das Gefühl, sie tanzen um ihr Leben, für andere scheint es ein amüsantes (und sehr oft erotisches) Spiel zu sein, das sie auskosten und genießen, bis sie von der nächsten im Startloch Wartenden verdrängt werden. Gemeinsam ist ihnen eins: sie tanzen afrikanisch. Na und? Was soll so
Besonderes am afrikanischen Tanz sein? Die Afrikaner scheinen körperlich nicht so verkrampft zu sein wie die Europäer, und es könnte verschiedene Erklärungen dafür geben: zum einen sitzen sie selten ein halbes Leben lang vor dem Computer oder am Fließband und zum anderen leben sie in einer weitgehend rhythmischen Kultur. In Westafrika (meine persönliche Erfahrung beschränkt sich auf die musikalische Kultur der Bambara, Dioula und Malinke und davon wird im folgenden die Rede sein) wird ständig herumgetänzelt oder getanzt. Auch Omas lieben dort Reggae und Bob Marley. Du gehst durch den Markt und es wäre kein Problem, den ganzen Weg zu tanzen - Musik begleitet dich überall hin. Feste, die mit Tanz verbunden sind (Hochzeiten, Beschneidungen, Taufen), finden fast immer öffentlich statt, mitten auf der Straße und sind für jeden zugänglich. Kleine AfrikanerInnen haben jede Menge Gelegenheit, Tanz zu sehen, Musik zu hören, zumal sich auch ihr Leben auf der Straße in einer Horde anderer Kinder und in ziemlicher Freiheit abspielt. Die Musik der Trommel ist wahrscheinlich in den allermeisten Fällen mit Tanz verbunden. Zu welchem Zweck allerdings gespielt und getanzt wird, ist von Fall zu Fall verschieden. Viele Europäer sind besonders an den rituell-spirituellen Aspekten dieser Kulturen interessiert, also Trance-Tanz, Heilungsrituale etc. Da kann ich leider mit keinerlei Information dienen. Die einen Trance-Tanz begleitende Musik und die tänzerische Bewegung dazu leben von Monotonie. Mich hat in beiden Fällen immer die Virtuosität interessiert, deshalb mußte ich zwangsläufig bei den profanen Festen landen. Bei diesen Festen haben die Frauen das Sagen. Die Männer (= Trommler) sind ihnen untertan, richten sich nach ihnen, und wehe, sie machen es nicht gut - pure Verachtung straft einen schlechten Solisten. Ein guter hingegen, der mit viel Erfahrung und Intuition das Feuer in einer Tänzerin entfachen kann, wird geliebt und, was mindestens so wichtig ist, wieder engagiert. Bestimmte Tänze gehören zu bestimmten Festen: der Soli beispielsweise ist ein Rhythmus, der bei Beschneidungsfesten gespielt wird. Ich habe allerdings noch bei jeder Hochzeit in Westafrika (und es waren nicht wenige, an denen ich spielender-, tanzender- und zuschauenderweise teilgenommen habe) mindestens fünfmal den Soli gehört. Also könnte man sagen: früher war es mal so, oder in den Dörfern ist es noch so... In den Städten hab ich eher das Gefühl, es ist eine Modesache, welche Rhythmen gespielt werden, manche sind gerade en vogue und andere nicht. Die Musik ist Gebrauchsgut. Nüchtern betrachtet, wird sie von den Tänzerinnen benutzt. Aber es gibt einen Bereich, wo sie zur Kunst erhoben wird: irgendwann in den letzten 40 Jahren erinnerten sich einige Kulturschaffende in Westafrika, daß sie der Kultur der jeweiligen Kolonialherren tatsächlich etwas entgegenzusetzen hatten - ihre eigene, wunderbare, rhythmisch unübertroffene. Und sie begannen die Rhythmen, Tänze, Lieder aller Regionen der einzelnen Länder zu sammeln, und zu faszinierenden Bühnenwerken von unglaublicher Rasanz und beeindruckendem Feuer zu arrangieren. Wer je die Gelegenheit hat, das Nationalballett von Guinée oder Mali zu sehen, sollte sie nicht vorübergehen lassen.... Noch ein Wort zur Bedeutung der Tanzschritte : ich kenne sie nicht. Und alle Tänzerinnen, die ich gefragt habe, auch nicht. Bei manchen Schritten kann man sich wohl irgendeine Tätigkeit aus dem Lebenszusammenhang vorstellen, aber es scheint niemanden wirklich zu interessieren. Ich habe den Eindruck, es geht einfach um die Lust an der Bewegung zu einer Musik, die Bewegung geradezu herausfordert. Tanz als Ausdruck überschäumender Energie, Lebenslust, Freude an der Selbstdarstellung, Schönheit und Erotik fragt nicht nach Bedeutung und deshalb ist sie wahrscheinlich, falls es je eine gab, in Vergessenheit geraten. |
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