Brother Rhythm
Sister Dance

von Ulli Sanou


Aufführung einer afrikanischen Tanztruppe aus Guinée: ich sitze im Publikum, starre glückselig auf eine hinreißende Tänzerin, die sich atemberaubend zur rasenden Trommelmusik bewegt, und bin außerstande, meinen Blick von dieser rhythmischen Inkarnation abzuwenden. Wäre gar kein Problem, wenn es nicht gleichzeitig noch fünfzehn andere von dieser Sorte gäbe, die denselben Schritt tanzen, aber das so individuell, daß ich mich in jeder einzelnen verlieren könnte. Ich müßte mir das ganze Spektakel fünfzehn mal anschauen, und jedesmal eine andere Tänzerin mit meinem inneren Suchscheinwerfer zwei Stunden lang verfolgen...

Schnitt: Hochzeitsfest in Bamako/Mali. Es ist heiß, trocken, staubig. Ich stehe in einem Kreis aus Zusehern. Innerhalb des Kreises sitzt eine Gruppe von Trommlern, vor denen ständig kleine Feuerwerke explodieren. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß es sich dabei um Tänzerinnen handelt, die sich atemberaubend... siehe oben. Gott sei Dank tanzen sie hier einzeln, daher entgeht einem als Zuschauer nicht so viel. Bei manchen hat man das Gefühl, sie tanzen um ihr Leben, für andere scheint es ein amüsantes (und sehr oft erotisches) Spiel zu sein, das sie auskosten und genießen, bis sie von der nächsten im Startloch Wartenden verdrängt werden. Gemeinsam ist ihnen eins: sie tanzen afrikanisch.

Na und? Was soll so Besonderes am afrikanischen Tanz sein?
Erstens und vor allem die Musik! Afrikanisch getanzt wird nach afrikanischer Musik, was, so riesig dieser Kontinent auch ist, so viele Sprachen er spricht, so viele verschiedene Kulturen ihn beleben, vor allem eines bedeutet: rhythmische Vielfalt. Da zwingt einen kein durchgezogener Discobeat in die Knie. Da darf der Körper auf ganz verschiedenen sich überlagernden Rhythmen dahinsurfen, sich nach Bedarf langsamen oder schnellen Wellen hingeben.
Zweitens: Die Schaltzentrale, die die Bewegungen steuert und koordiniert, liegt nicht im Gehirn, sondern im Bauch, also der Körpermitte: dort ist das Zentrum und der Anfang aller Bewegung. Konkret: will ich die Hand von A nach B bewegen, geht der Impuls von der Mitte aus und nicht von der Peripherie. Die Hand bewegt sich in die von der Körpermitte initiierte Richtung, wenn der Weg durch den Arm hindurch nicht von allzu vielen Verkrampfungen blockiert ist. Die Eleganz beim Tanz entsteht, indem die organische Bewegung in eine ihr nicht zuwiderlaufende ästhetische Form gebracht wird.

Die Afrikaner scheinen körperlich nicht so verkrampft zu sein wie die Europäer, und es könnte verschiedene Erklärungen dafür geben: zum einen sitzen sie selten ein halbes Leben lang vor dem Computer oder am Fließband und zum anderen leben sie in einer weitgehend rhythmischen Kultur. In Westafrika (meine persönliche Erfahrung beschränkt sich auf die musikalische Kultur der Bambara, Dioula und Malinke und davon wird im folgenden die Rede sein) wird ständig herumgetänzelt oder getanzt. Auch Omas lieben dort Reggae und Bob Marley. Du gehst durch den Markt und es wäre kein Problem, den ganzen Weg zu tanzen - Musik begleitet dich überall hin. Feste, die mit Tanz verbunden sind (Hochzeiten, Beschneidungen, Taufen), finden fast immer öffentlich statt, mitten auf der Straße und sind für jeden zugänglich. Kleine AfrikanerInnen haben jede Menge Gelegenheit, Tanz zu sehen, Musik zu hören, zumal sich auch ihr Leben auf der Straße in einer Horde anderer Kinder und in ziemlicher Freiheit abspielt.

Die Musik der Trommel ist wahrscheinlich in den allermeisten Fällen mit Tanz verbunden. Zu welchem Zweck allerdings gespielt und getanzt wird, ist von Fall zu Fall verschieden. Viele Europäer sind besonders an den rituell-spirituellen Aspekten dieser Kulturen interessiert, also Trance-Tanz, Heilungsrituale etc. Da kann ich leider mit keinerlei Information dienen. Die einen Trance-Tanz begleitende Musik und die tänzerische Bewegung dazu leben von Monotonie. Mich hat in beiden Fällen immer die Virtuosität interessiert, deshalb mußte ich zwangsläufig bei den profanen Festen landen.

Sehen wir uns so ein Fest doch mal an: Eine Bambara-Familie in Mali hat Zuwachs bekommen, womöglich sogar einen Knaben (in der Rangliste natürlich weit über einer Tochter), und diese Familie ist wohlhabend genug, um sich ein Fest zur Taufe zu leisten. Das Fest wird von den Frauen organisiert, die Männer haben haben weder mit Vorbereitungen noch mit dem Fest selbst viel zu tun. Die Frauen suchen sich eine Percussionstruppe, verhandeln einen erschwinglichen Preis und vereinbaren einen Termin. Wenn die Trommler am Festplatz erscheinen, sind dort wahrscheinlich schon Sitzbänke kreisförmig aufgestellt, im besten Fall mit einer Zeltplane als Sonnendach darüber. Festlich gekleidete Frauen schwirren herum, und vor allem viele Kinder. Orangenverkäuferinnen nähern sich in der Gewissheit, bald viele durstige Kunden zu kriegen. Die Trommler suchen sich einen möglichst schattigen Platz und die Lehrlinge spielen ein bißchen, was die Kinder als Einladung zum Tanz auffassen. Das geht eine Zeitlang so dahin, bis immer mehr Frauen eingetroffen sind und es langsam ernst wird: die Kinder werden verjagt, die Trommellehrlinge auf ihre Basisfunktionsplätze gescheucht. Eine Frau beginnt zu singen und an dem Lied erkennen die Trommler, welcher Rhythmus gemeint ist und beginnen zu spielen. Alle anwesende Frauen fallen in den Refrain ein, viele stehen auf, sie bilden einen Kreis, in dem sie sich singend und tanzend bewegen, bis plötzlich eine von ihnen aus dem Kreis heraustritt, vor die Trommler tanzt und nun beginnt, ein Solo hinzulegen, das in einem sogenannten Echauffement endet. Echauffement heißt Erhitzung und ist es auch: plötzlich drückt das Gesicht der Tänzerin wilde Entschlossenheit aus und sie beginnt einen bestimmten Schritt zu tanzen, die Musik erlebt eine dramatische Geschwindigkeitssteigerung, es werden fast alle vorhandenen Noten gespielt, die Verbindung von Trommler und Tänzerin steigert sich in eine atemberaubende Intensität bis sie wie nach geheimer Absprache durch einen Break aufgelöst wird, die Tänzerin verläßt den nun nicht mehr ganz so magischen Kreis, und der Trommler empfängt die nächste Frau. Erinnert an Sex, und das ist natürlich kein Zufall. Erotik spielt hier eine große Rolle. Das kann so derb ausgespielt werden, dass es einer sensiblen Europäerin die Schamröte ins Gesicht treibt, - spürbar ist allemal, dass zwischen Trommler und Tänzerin eine Art Vereinigung stattfindet.

Bei diesen Festen haben die Frauen das Sagen. Die Männer (= Trommler) sind ihnen untertan, richten sich nach ihnen, und wehe, sie machen es nicht gut - pure Verachtung straft einen schlechten Solisten. Ein guter hingegen, der mit viel Erfahrung und Intuition das Feuer in einer Tänzerin entfachen kann, wird geliebt und, was mindestens so wichtig ist, wieder engagiert.

Bestimmte Tänze gehören zu bestimmten Festen: der Soli beispielsweise ist ein Rhythmus, der bei Beschneidungsfesten gespielt wird. Ich habe allerdings noch bei jeder Hochzeit in Westafrika (und es waren nicht wenige, an denen ich spielender-, tanzender- und zuschauenderweise teilgenommen habe) mindestens fünfmal den Soli gehört. Also könnte man sagen: früher war es mal so, oder in den Dörfern ist es noch so... In den Städten hab ich eher das Gefühl, es ist eine Modesache, welche Rhythmen gespielt werden, manche sind gerade en vogue und andere nicht.

Die Musik ist Gebrauchsgut. Nüchtern betrachtet, wird sie von den Tänzerinnen benutzt. Aber es gibt einen Bereich, wo sie zur Kunst erhoben wird: irgendwann in den letzten 40 Jahren erinnerten sich einige Kulturschaffende in Westafrika, daß sie der Kultur der jeweiligen Kolonialherren tatsächlich etwas entgegenzusetzen hatten - ihre eigene, wunderbare, rhythmisch unübertroffene. Und sie begannen die Rhythmen, Tänze, Lieder aller Regionen der einzelnen Länder zu sammeln, und zu faszinierenden Bühnenwerken von unglaublicher Rasanz und beeindruckendem Feuer zu arrangieren. Wer je die Gelegenheit hat, das Nationalballett von Guinée oder Mali zu sehen, sollte sie nicht vorübergehen lassen....

Noch ein Wort zur Bedeutung der Tanzschritte : ich kenne sie nicht. Und alle Tänzerinnen, die ich gefragt habe, auch nicht. Bei manchen Schritten kann man sich wohl irgendeine Tätigkeit aus dem Lebenszusammenhang vorstellen, aber es scheint niemanden wirklich zu interessieren. Ich habe den Eindruck, es geht einfach um die Lust an der Bewegung zu einer Musik, die Bewegung geradezu herausfordert. Tanz als Ausdruck überschäumender Energie, Lebenslust, Freude an der Selbstdarstellung, Schönheit und Erotik fragt nicht nach Bedeutung und deshalb ist sie wahrscheinlich, falls es je eine gab, in Vergessenheit geraten.



















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